Hildegard von Bingen (1098 – 1179) war eine der bedeutendsten Frauen des deutschen Mittelalters. Eine Frau mit starkem Wesen und charismatischer Ausstrahlung, die die Menschen mit flammenden Einsatz für ein christliches Leben in ihren Bann zog und sich dabei nicht scheute, selbst Päpste, Kirchenfürsten, ja selbst den gefürchteten Kaiser Friedrich Barbarossa in die Schranken zu weisen.
Was ist es, das die Menschen bis in die heutige Zeit fasziniert? Was beeindruckt uns an dieser Frau, die gleichzeitig als Heilige und Heilkundige verehrt wird?
Bereits als 3-jährige empfängt Hildegard Visionen und empfindet die Botschaften des Göttlichen mit einem natürlichen Selbstverständnis. Sie erschrickt zutiefst, als sie später erkennt, dass es anderen nicht so ergeht.
Mit acht Jahren wird sie als das zehnte Kind einer Adelsfamilie aus dem Geschlecht Bermersheim an Jutta von Sponheim zur frommen Erziehung und Ausbildung gegeben und bezieht mit ihr sechs Jahre später die neu errichtete Frauenklause am Benediktinerkloster Disibodenberg. Das Empfangen von Visionen wahrt sie als Geheimnis, bedeckt all die wundervollen Bilder und Botschaften mit Schweigen – bis zu der Zeit, in der Gott es offenbaren will.
Erst 1141, mit 42 Jahren, ist der Zeitpunkt gekommen. Hildegard, inzwischen zur Lehrmeisterin gewählt, umfängt ein feuriges Licht, das ihren Körper durchströmt. Mit einem Mal erschließt sich ihr der Sinn der Schriften und sie vernimmt deutlich den Auftrag: „Schreib, was du siehst und hörst.“ Es entsteht ihr erstes Werk, „Scivias – Wisse die Wege“, in dem sie die gewaltigen Dimensionen und Hintergründe der Schöpfung und der Erlösung beschreibt.
Die Schriften beeindrucken nach anfänglicher Zurückhaltung auch den einflussreichen Abt Bernhard von Clairvaux, an den sich Hildegard ratsuchend wendet. Auf der Synode in Trier setzt er sich beim Papst Eugen III. für sie ein. Der Papst selbst liest, nach eingehender Prüfung ihrer Sehergabe, die Visionsschriften vor den versammelten Kardinälen vor und erteilt Hildegard damit die höchste kirchliche Anerkennung. Das ist der Beginn ihres öffentlichen Engagements, dem Auszug aus dem zurückgezogenen Lebens des Kloster Disibodenberg, mitten hinein in das Zentrum kirchlicher und politischer Macht.
Nun endlich auch erhält sie die Unterstützung, gegen den erbitterten Widerstand der Mönche, aus dem Schatten der mächtigen Männerabtei herauszutreten und mit ihren 18 Nonnen ein eigenes Kloster zu gründen.
An der Stelle, an der in einem kleinen Heiligtum des Heiligen Rupertus gedacht wird, entsteht das Kloster Rupertsberg, das rasch zum Anziehungspunkt für Rat- und Hilfesuchende wird. Sie empfängt Bischöfe und Kaiser, Fürsten und Bauern. Für jeden hat sie ein offenes Ohr und die richtigen Worte.
Auf dem Rupertsberg entstehen weitere, unvergängliche Werke, in denen Hildegard die Welt als Kunstwerk Gottes beschreibt. Der Mensch als Teil eines großen Makrokosmos, in dem alles miteinander verbunden ist und nichts geschieht, ohne das andere zu beeinflussen. In dessen Inneren sich all das widerspiegelt, was er Außen erfährt. Hildegard schreibt von der Heilung kranker Menschen durch Hinwendung zum Glauben und mit Hilfe von Heilkräften, die Gott in die Natur gelegt hat.
Durch einen umfangreichen Briefwechsel mit Päpsten, Bischöfen und Herrschern nimmt sie mit unerschrockener Direktheit, aber auch humorvoller Großherzigkeit weitreichenden Einfluss auf kirchliche und politische Belange. Unzählige Geistliche mahnte sie zu mehr Glaubwürdigkeit und weniger Gefallsucht und predigt in ausgedehnten Missionsreisen öffentlich die Hinwendung zu Gott und dem Geist Gottes in der Schöpfung.
Hildegard wird 81 Jahre alt. Als sie am 17. September 1179 stirbt, erstrahlt am Himmel ein helles Lichtkreuz.
Der Antrag zur Kanonisation wurde erst 1228 gestellt und niemals durchgesetzt. Erst im September 2010 setzte Papst Benedikt XVI. ein erstes Zeichen, als er sie als „Prophetin von großer Aktualität und Gesandte Gottes sowie als weise Frau, die wach und mutig die Zeichen der Zeit erkannte“ bezeichnete. Am 10. Mai 2012 teilte die vatikanische Heiligsprechungskongregation mit, dass der Papst die Mystikerin und Äbtissin zur Heiligen der Unniversalkirche erhoben hat.
Aus Hildegard von Bingen, seit Jahrhunderten als Volksheilige verehrt, ist eine Heilige geworden.
Die Biographie “Hildegard von Bingen – Ein Leben im Licht” ist erschienen im Aufbau-Verlag.
Weiterführende Links:
Radio Vatikan
Abtei St. Hildegard